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Millionen Deutsche auf dem Land sind abgehängt ? dabei wäre die Lösung so einfach Diesen Text vorlesen lassen

Autor: Support 25.01.2018

"Die deutsche Verkehrspolitik ist desaströs."

  • Die Bundesregierung will die Verkehrswende: Die Bürger sollen mehr Bus und Bahn fahren
  • Tatsächlich haben die Bürger auf dem Land dazu kaum die Möglichkeit

Hannelore L. war der Schutz der Umwelt immer wichtig. Doch wenn die Pfälzerin zum Arzt oder zum Einkaufen fährt, nimmt sie stets das Auto. Denn die Rentnerin lebt auf dem Land, wo das öffentliche Verkehrsnetz einem Schweizer Käse gleicht.

In vielen Gemeinden in Deutschland ist der Schulbus der einzige Bus, der überhaupt noch regelmäßig fährt.

"Ohne eigenes Auto würde es nicht gehen", sagt die gelernte Friseurin, die drei Kinder großgezogen hat. Sie wohnt in einem nur mehrere Hundert Einwohner zählenden Dorf im Landkreis Kaiserslautern.
Der Nah- und Fernverkehr wird kaputtgespart

So wie Hannelore L. geht es Millionen Deutschen.

Sie brauchen das Auto, um sich überhaupt von A nach B zu bewegen: Weil seit Jahren der Bahn- und regionale Busverkeher kaputtgespart wird.

? Auf 30 Milliarden Euro schätzte die Deutsche Bahn bereits 2014 den Investitionsstau im deutschen Bahnnetz - etwa für neue Gleise, Weichen, Signale oder Rangierbahnhöfe.

? Die Kommunen klagen ebenfalls, dass ihnen Milliarden für den öffentlichen Nahverkehr fehlen. Gerade erst forderte selbst das reiche München, der Bund müsse seine Mittel massiv aufstocken, weil man sonst beim ÖPNV-Ausbau nicht hinterher komme.

Doch auf dem Land wären die Menschen oft schon froh, wenn überhaupt ein Bus fahren würde, in den sie sich quetschen könnten.

Kanzlerin Angela Merkel kündigte Ende 2017 vollmundig eine "Verkehrswende" an. Schließlich ist der Verkehr für rund ein Fünftel des CO2-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich. Die Emissionen liegen mittlerweile sogar um zwei Millionen Tonnen über jenen des Jahres 1990.

Doch die von der Bundesregierung vorgesehene Extra-Summe von einer Milliarde Euro ist höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein und soll ohnehin nur teilweise in den ÖPNV fließen.

Klar ist: Soll die Klimarechnung der Bundesregierung aufgehen, genügt es nicht, dass wie zuletzt immer mehr Städter gleich ganz aufs Auto verzichten - Menschen wie Hannelore L. brauchen eine Alternative zum Pkw. Aber die gibt es derzeit schlicht nicht.

Sonntags fahren von ihrem Dorf aus am ganzen Tag nur drei Busse nach Kaiserslautern. Unter der Woche sind es einige mehr ? aber die Fahrt zum Arzt oder zum Einkaufen ist mit dem öffentlichen Nahverkehr kaum zu meistern.
"Die Verkehrspolitik ist desaströs"

Wer mit dem Linienbus in die Stadt will, kann erst um gut 9.30 Uhr dort sein ? vielen Arbeitgebern ist das zu spät.

Wer auf dem Land lebt und wie mehr als die Hälfte der Deutschen auch Überstunden machen muss, für den ist ein eigenes Auto ohnehin unverzichtbar ? zu groß ist das Risiko, den letzten Bus nach Hause zu verpassen.

"Die Anbindung mit Bus- und Bahn auf dem Land ist in Deutschland vielerorts extrem schlecht oder de facto nicht vorhanden", sagt Thomas Mager, Vorstandsmitglied des ökologisch orientierten Verkehrsclub Deutschland (VCD), der HuffPost. Beispiele seien etwa Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg.
Grundrecht der Mobilität ist außer Kraft gesetzt

Auch der Verkehrsexperte und Geograf Heiner Monheim, der als Professor an der Universität Trier lehrt, analysiert: "Die Verkehrspolitik für den ländlichen Raum ist desaströs."

In vielen Regionen beschränke sich der öffentliche Nahverkehr "auf ein rudimentäres Restangebot für Schüler". Beispiele hierfür seien neben weiten Teilen Ostdeutschlands etwa auch der Hunsrück und die Südeifel, sagt Monheim der HuffPost.

Selbst wohlhabende Regionen wie etwa Ostbayern sind in weiten Teilen ohne eigenes Fahrzeug die meiste Zeit des Tages nicht zu erreichen. So fährt etwa im Landkreis Straubing-Bogen sonntags kein Bus und werktags nur eine Handvoll Schulbusse ? sogar manch prosperierende niederbayerische Gemeinde mit mehreren Tausend Einwohnern ist regelrecht abgeschnitten.

Auch anderswo wie im Landkreis Main-Spessart werden viele Menschen um das Grundrecht der Mobilität gebracht.
Andere EU-Länder gehen voran

"Millionen Menschen ohne Auto wie Alte, Kranke, Kinder oder andere Menschen ohne Führerschein auf dem Land sitzen in ihrem Zuhause fest", sagt Mohnheim.

In vielen europäischen Ländern wie Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien, Österreich und der Schweiz ist der öffentliche Nahverkehr auf dem Land dem Professor zufolge weit besser ausgebaut als hierzulande.

Zu den von den Regierenden vergessenen Landbewohnern zählen neben Alten, Kranken und Behinderten vor allem arme Menschen, die sich kein Fahrzeug leisten können ? und auch Flüchtlinge.

Mitunter führte dies in der Vergangenheit bereits zu massiven Protesten, weil die Migranten weit weg von Geschäften, Gaststätten oder Sportvereinen festsaßen.

Es zeigt sich: Die Verkehrswende ist ein Projekt, das wenig mit den Realitäten auf dem Land zu tun hat. Das Versagen der Verkehrspolitiker hat auf dem Land mitunter tödliche Folgen.
Fatale Fehlplanung

Denn in den vergangenen Jahren bezahlten nicht wenige junge Menschen ihren Wunsch, am Wochenende feiern zu gehen und trotz dem einen oder anderen Bier das Auto zu benutzen mit dem Leben ? so manches Holzkreuz an deutschen Landstraßen erinnert an sie.

Denn selbst wer das nötige Kleingeld hat, bekommt auf dem Land oft kein Taxi.

Das Verkehrsversagen hat auch Auswirkungen auf die Städte. Die platzen aus allen Nähten, die Mieten steigen - während auf dem Land Wohnungen leer stehen.

Wenn das Land besser erschlossen wäre, dann würden sich vielleicht mehr Menschen für ein Leben außerhalb der teuren Metropolen entscheiden.

"Eine bessere Anbindung des ländlichen Raums wäre ein prima Wohnraumprogramm", sagt VCD-Mann Mager. Sein Verband fordert von der Bundesregierung seit Jahren einen besseren Ausbau von Schienen- und Busnetz auf dem Land. Es bedürfe "enormer Kraftanstrengungen" seitens der Politik, ist er überzeugt.
Den Landkreisen fehlt schlicht das Geld

Beim seit vielen Jahren CSU-geführten Bundesverkehrsministerium heißt es auf Anfrage, das Ziel der Bundesregierung sei es, "eine bedarfsgerechte Mobilität für alle Bevölkerungsgruppen zu sichern".

Aus Sicht von Kritikern sind dies jedoch nicht viel mehr als leere Worte. "Sicher gibt es Landkreise, die falsch priorisieren, viele haben aber einfach nicht genug Geld, für einen ausreichenden Ausbau des ÖPNV", sagt Experte Mager. Hier müssten Bund und Länder gegensteuern.

Ein positives Beispiel ist das schwarz-grün regierte Baden-Württemberg. Dort bauten Land und Kommunen zuletzt nicht nur den Busverkehr deutlich aus, es gibt auch Pläne für die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken.

Über Jahrzehnte hinweg wurde das deutsche Bahnnetz von renditegesteuerten Managern immer mehr ausgedünnt. Viele Strecken sind nur eingleisig und nicht selten in erbärmlichem Zustand.
Die Schweiz zeigt, wie es besser geht

Selbst wenn also Züge durch Äcker und Wälder rattern, sind sie aufgrund mangelnder Geschwindigkeit oft keine Alternative für Autofahrer. "Zudem sind Busse und Bahnen in vielen Regionen beim Fahrplan noch immer nicht ausreichend aufeinander abgestimmt", sagt Mager.

Dass es auch anders geht, zeigt die Schweiz: 100 Prozent der Bahnstrecken sind elektrifiziert, selbst Dörfer verfügen oft über einen Bahnanschluss. "Jede Ortschaft mit mehr als 200 Einwohnern hat den gesetzlichen Anspruch auf einen Bahn-, Bus- oder Seilbahnanschluss", erläutert Mager.

So würden bei den Eidgenossen auf die Einwohnerzahl gerechnet vier- bis sechsmal so viele Menschen Busse und Bahnen nutzen als in Deutschland. Dort gebe es selbst auf dem Land "ein attraktives Bus- und Bahnnetz".

? Verkehrsexperte Monheim fordert für deutsche Dörfer eine Anbindung im Stunden-Takt. Eine Kleinstadt mit 5000 bis 15.000 Einwohnern sollte einen Orts- oder Stadtbus alle 20 bis 30 Minuten fahren lassen.

"Ein gutes Angebot hat weniger Zuschussbedarf als ein mickriges, weil mehr Fahrgäste mehr Geld in die Kassen der Verkehrsbetriebe bringen", sagt Mobilitätsforscher Monheim.

Die Deutschen sehen das ähnlich: Fast drei Viertel von ihnen würden einer SWR-Umfrage zufolge auf ihr Auto verzichten, wenn die Angebote des Nahverkehrs verlässlicher und billiger wären.
Auch Straßen und Autobahnen sind Zuschussgeschäfte

Bisher decken die Fahrkarteneinnahmen laut Monheim im Schnitt nur 60 Prozent der Ausgaben, die Kreise und Gemeinden müssten die restlichen 40 Prozent übernehmen.

"Bei einem besseren Angebot reichen die Erlöse auch für 80 Prozent der Kosten. Im Gegenzug sinken die staatlichen Subventionen", prophezeit er.

Monheim verweist darauf, dass auch beim Autoverkehr die staatlichen Einnahmen etwa durch Steuern die Ausgaben etwa für Straßen und Parkplätze bei weitem nicht abdecken würden ? und das, selbst wenn man Folgekosten durch Umweltverschmutzung nicht einrechne.

Auch VCD-Mann Mager fordert Milliarden für Busse und Bahnen auf dem Land.

"Die zu erwarteten Kosten eines ÖPNV-Ausbaus wären im Vergleich zur massiven Subventionierung des Autoverkehrs, etwa durch die Pendlerpauschale oder die massive Dienstwagen-Begünstigung, deutlich geringer."

Und am Ende würde die Attraktivität weiter Teile des Landes wieder zunehmen, weil man eben nicht mehr für jeden Arztbesuch oder Einkauf das Auto brauchen würde.

Hannelore L. wird darauf jedoch noch länger warten müssen. Zwar gibt es mittlerweile einzelne Rufbus-Angebote: "Doch bei uns im Dorf geht ohne Auto gar nichts."

Quelle bei: huffingtonpost

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